Ganztiervermarktung mit Bio-Bauer in Konzern-Kantine: „Mahlzeit, heute gibt’s ne gute Sau!“

(München, 22. November 2019) Die Situation ist ungewöhnlich: Der Chiemgauer Landwirt Florian Reiter begrüßt die hungrigen Gäste einer Konzern-Kantine zum Mittagessen allesamt persönlich. Rund 500 Angestellte eines Maschinenbau-Unternehmens erreicht er auf diesem Weg. 

Viele fragen nach, was er hier mache. Denen erklärt er, dass das Schwein des heutigen Hauptmenüs von seinem Hof komme und was es heißt, Produkte nach den Kriterien des Bayerischen Bio-Siegels zu erzeugen. Seinen Hof hat er vor 13 Jahren von den Eltern übernommen – als Quereinsteiger. Dabei hat er viel Lehrgeld bezahlt, aber trotzdem von Anfang an auf Bio-Qualität gesetzt: „Schließlich verwalten wir auf dem Hof mit der Tierzucht eine Keimzelle des Lebens“, sagt Reiter. Bis vor zwei Jahren hat er seine Produkte ausschließlich über seinen eigenen kleinen Hofladen direkt vermarktet. Das reichte gerade zum Überleben. Dann standen überraschend Vertreter von BMW vor der Tür – und alles hat sich geändert. Davon sollen jetzt auch andere profitieren: Reiter will ein neues Netzwerk mit Bio-Erzeugern aus ganz Bayern aufbauen. Ein erstes Treffen soll im Januar in München stattfinden. Zudem plädiert er für neue Vermarktungswege in der Bio-Branche.

„Sind wir mal ehrlich: Die meisten Landwirte sind mit sich selbst und ihrem Betrieb ausreichend beschäftigt, da bleibt kaum Zeit für gewinnbringende, persönliche Vermarktung der eigenen Erzeugnisse“, sagt Florian Reiter. Dabei ist gerade das Persönliche für den Chiemgauer Landwirt von größter Bedeutung. „Ohne das direkte Gespräch mit denen, die meine Schweine und Gockel kaufen, zubereiten und essen, werde ich von der hochwertigen Bio-Qualität der Erzeugnisse kaum überzeugen können“, sagt Reiter. Und so steht er jetzt in der Betriebskantine des Maschinenbau-Konzerns Brückner in Siegsdorf nahe Traunstein. „Mahlzeit, heute gibt’s ne gute Sau!“, ruft Reiter jedem entgegen, der durch die Tür kommt. Und ergänzt: „Das Tier kommt von meinem Hof, ich bin der Landwirt.“ Die Mittagsgäste sind erst einmal irritiert, dann interessiert. Zahlreiche kommen nach der Mittagspause zu ihm und fragen genauer nach. Denen erzählt er dann, wie die Tiere bei ihm gehalten werden, welches Futter sie bekommen und wo die Unterschiede zur konventionellen Landwirtschaft sind. „Ich beschäftige mich eigentlich nicht so viel damit, wo das Essen genau herkommt“, sagt eine der Mitarbeiterinnen nach dem Essen. „Genau deswegen finde ich es klasse, dass der Landwirt auf uns zukommt und uns unaufdringlich informiert. Das führt dann doch dazu, selbst auch mal über die ökologische Landwirtschaft und unser aller Essverhalten nachzudenken.“ So wie hier in Siegsdorf spricht Reiter zwei- bis dreimal im Monat mit den Gästen einer der Kantinen, die er beliefert. „Auch wenn die Zeit immer knapp ist, die Aufklärungsarbeit ist notwendig. Genau darin sieht Reiter eine große Chance für viele Bio-Höfe in Bayern.

Erst Heilpraktiker, dann Landwirt: Neustart als Chance für die ökologische Zucht von Schweinen und Gockeln

Das Zuhause von Florian Reiter ist der Chiemgauhof Locking. Hier ist der 41-Jährige aufgewachsen. In Amerang, östlich von Wasserburg am Inn. Dort stehen Haus, Hof und Ställe frei auf 42 Hektar Land. Hier gibt es Moor, Wald, Wiesen und Hänge. Es ist einer der ältesten Höfe im Chiemgau, die Geschichte geht bis ins 12. Jahrhundert zurück. „An solch einem geschichtsträchtigen Ort wollte ich das Spiel der konventionellen Landwirtschaft nicht mitmachen“, sagt Reiter. Doch der Weg war lange nicht vorgezeichnet. Von der konventionellen, landwirtschaftlichen Ausbildung enttäuscht, hat der dem geplanten Beruf den Rücken gekehrt. „Ich wollte nie wieder als Landwirt arbeiten, dafür lieber den Menschen direkt helfen.“ Viele Jahre war Reiter als Heilpraktiker tätig. Als dann die Rente der Eltern anstand, hat er aus Verantwortungsbewusstsein dann doch den Neustart in der Landwirtschaft gewagt und den Hof übernommen. Das war 2006. Mittlerweile verkauft er rund 6.000 Gockel und 120 Schweine im Jahr, alle ausgezeichnet mit dem Bayerischen Bio-Siegel. In 2021 hofft er, dann auch endlich komplett in den schwarzen Zahlen angekommen zu sein.

Eine Marktlücke für Erzeugerbetriebe: Ganztiervermarktung für Kantinen in Bayern

Florian Reiter versteht Bio-Landwirtschaft als Lebenseinstellung und langfristige Zukunftsinvestition. Er hat sich auf das Züchten von Gockeln und Schweinen nach den Kriterien des Bayerischen Bio-Siegels und des Anbauverbandes Naturland spezialisiert. Seine Abnehmer sind vor allem Privathaushalte aus dem Umland. Vor zwei Jahren meldeten sich überraschend Vertreter des Automobilherstellers BMW bei ihm. Ihr Anliegen: In den eigenen Kantinen mehr regionale Produkte in Bio-Qualität anzubieten. „Wir haben uns dann zusammengesetzt und schnell gemerkt, dass wir sehr ähnliche Ansätze verfolgen“, sagt Reiter. Mehrfach haben Mitarbeiter des Automobilherstellers die genaue Tierhaltung des Chiemgauhofes begutachtet, Reiter musste aufwändige Fragebögen ausfüllen. „Die wollten alles ganz genau wissen, sind bis in die tiefen Details der ökologischen Landwirtschaft vorgedrungen.“ Zu den Details des ökologisch-nachhaltigen Wirtschaftens gehört auch, dass der Kantinen-Koch zukünftig ganze Tiere abnimmt und gleich für unterschiedliche Menüs verarbeitet, statt beispielsweise nur die Schweineschulter oder nur den Nacken zu nehmen. „Wenn mir beispielsweise ein Kunde lediglich 400 Kilo Schweinenacken abnehmen würde, dann hätte ich ad hoc auch Schwierigkeiten, die Reste zu verwerten“, sagt Reiter. So wurde der Chiemgauhof schlagartig einer der ersten Erzeuger mit Ganztiervermarktung für eine Konzern-Kantine in Bayern. Und damit war für Reiter eine neue Idee geboren: „Wir müssen mehr regionale und saisonale Produkte in die Kantinen von Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen bringen.“ Was ihm noch fehlte, war die Infrastruktur einer passenden Vermarktung – und die Finanzierung dazu.

Herausforderung bei Neukunden: Nicht der Preis, sondern fehlendes Zubereitungs-Knowhow der Kantinen-Köche

Wem allerdings das Geld zum Marketing fehlt, der wird erfinderisch: Also ging Florian Reiter direkt in die BMW-Kantine und stellte sich den Mittagsgästen als der Bio-Landwirt vor, dessen Schwein und Geflügel heute auf den Tellern liegt. Die Leute wurden neugierig, Reiter gewann neue Kontakte. Bald schon gehören auch Unternehmen wie Siemens, die Allianz oder Linde, die Versicherungskammer Bayern, städtische Kantinen wie das Baureferat und Rathaus in München sowie die Polizeikantinen der Landeshauptstadt zu seinen Kunden. Jürgen Wiesenhofer, Pächter der Polizeikantine, ist zu einem engen Weggefährten von Reiter geworden. Beide tauschen sich regelmäßig aus, sie kennen die Bedürfnisse des anderen. „Unsere große Herausforderung bei potenziellen Neukunden ist oftmals nicht der höhere Preis für die Bio-Produkte, sondern das fehlende Zubereitungs-Knowhow bei den Kantinen-Köchen“, sagt Reiter. Deshalb sei er froh, mit Wiesenhofer einen Fürsprecher in der bayerischen Landeshauptstadt zu haben, der selbst in viele Betriebskantinen fährt und den Kantinen-Wirten die Besonderheiten erklärt. „Bei der Ganztierverarbeitung entstehen ganz andere Speisepläne, das Weidefleisch braucht zudem eine längere Garzeit bei geringeren Temperaturen, um nur zwei Beispiele zu nennen“, sagt Reiter.

Treffen leidenschaftlicher Bio-Landwirte – Einladung zum ersten Erzeugerstammtisch in München

„Die Individualgastronomie ist launisch, aber die Gemeinschaftsverpflegung in Bayern hat ein gut funktionierendes System“, sagt Reiter. Und dieses System will der Chiemgauer nun auch für andere Landwirte nutzen. „Mit einem besseren Netzwerk unter uns Bio-Landwirten und einer gemeinsamen Vermarktungsinfrastruktur können wir noch viel mehr private wie öffentliche Kantinen in ganz Bayern erreichen“, sagt Reiter. Dafür will er Ende Januar in München ein erstes Netzwerktreffen organisieren, besser gesagt einen Erzeugerstammtisch. „Ich will diejenigen an einen Tisch holen, die mit gleicher Leidenschaft Bio-Landwirtschaft betreiben und nach hohen Gütekriterien Tiere züchten oder Grundnahrungsmittel wie beispielsweise Weizen, Reis, Kartoffeln, Linsen oder Bohnen anbauen.“ Auch Gemüse-Erzeuger sind eingeladen. „Bisher gibt es so ein Netzwerk unter uns Landwirten nicht – die meisten sind Einzelkämpfer.“ Im Verbund will Florian Reiter mit den neu gewonnenen Kollegen dann gezielt an Kantinenbetreiber und Cateringbetriebe herantreten, um eine umfangreiche Nahrungsmittelpalette direkt aus der Region und aus einer Hand anzubieten. „Interessierte können sich gerne jederzeit direkt bei mir melden.“

Das Verantwortungsbewusstsein von Arbeitgebern, Arbeitnehmer und Erzeuger soll gestärkt werden

Ein weiterer Abnehmer ist bereits gefunden, obwohl es das Netzwerk noch nicht einmal gibt. Léon F. Wuest ist gebürtiger Elsässer und hat ein Faible für gutes Essen. Der Franzose und der Chiemgauer haben sich zufällig kennengelernt. Mit seiner Firma Navitas betreibt Wuest aktuell 20 Betriebsrestaurants in ganz Bayern – eine davon beim Siegsdorfer Maschinenbaubetrieb Brückner, an die auch Reiter jetzt seine Tiere liefert. „Wir suchen für unsere Kantinen ständig nach passenden Erzeugern aus der Region, die uns mit hochwertigen Produkten beliefern können“, sagt Wuest. „Deswegen freuen wir uns, dass es freiwillige Initiativen wie das Erzeuger-Netzwerk geben soll.“ Auch Wuest setzt auf die Ganztierverarbeitung in den Kantinen: „Auf diesem Weg erhalten wir höherwertige Produkte aus der Region zu einem fairen Preis, den die Kunden noch bezahlen können.“ Der Anteil an regionalen Produkten in den Navitas-Kantinen liegt aktuell bei mehr als 70 Prozent. „Natürlich könnten wir den Anteil erhöhen. Wenn wir Info-Aktionen organisieren, bei denen der Erzeuger persönlich vor Ort ist und den Gästen das Produkt näherbringt, dann sind viele auch bereit, mehr für das Produkt zu bezahlen.“ Florian Reiter geht jetzt dafür noch einen Schritt weiter, um die Menschen von Bio-Lebensmitteln zu überzeugen: „Ich will die Dreiecksbeziehung aus Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Erzeuger weiter stärken. Jeder trägt für seinen Bereich die Verantwortung für das Wohl der Tiere, die ökologische Landwirtschaft und letztendlich die nachhaltig produzierten Erzeugnisse für hochwertiges Essen“, sagt der Bio-Landwirt. Dafür will er auch in Zukunft hungrige Gäste in Konzern-Kantinen persönlich ansprechen, über seine Arbeit aufklären und über die Besonderheiten von regionalen Produkten in Bio-Qualität informieren. 

 

Foto:

Florian Reiter bei der Essensausgabe.
© Torben Brinkema.

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